Der akute und chronische Bandscheibenvorfall

von Lisa Gauch

„Die Krankenkassen sind inzwischen überzeugt von unserem Konzept“

Dr. Wolfram Seidel, Präsident der ANOA, im Gespräch zum Thema „Der akute und chronische Bandscheibenvorfall: Behandlungsstrategien“

Berlin, den 22. Januar 2019
Herr Dr. Seidel, während eines Symposiums zum Thema „Bandscheibenvorfall“ werden Sie am kommenden 9. Februar in der Rommel-Klinik für die ANOA einen Vortrag halten.
Bekanntermaßen ist der Bandscheibenvorfall ein häufiges Krankheitsbild und es gibt vielfältige Maßnahmen, diesen zu behandeln. Welcher Behandlungsweg ist nach Ihrer Erfahrung der effektivste und nachhaltigste?

Dr. Seidel: Die entscheidende Botschaft ist, der Bandscheibenvorfall ist keine Erkrankung. Er kann, aber muss keine Beschwerden bzw. Erkrankung auslösen.  Wenn durch den Bandscheibenvorfall nachweisbar eine Störung an der Nervenwurzel auftritt bzw., wenn diese Störung im Vordergrund steht und z.B. Muskellähmungen verursacht, muss natürlich an eine Operation gedacht werden. Das trifft allerdings nur bei etwa fünf bis fünfzehn Prozent aller Rückenschmerzpatienten zu. In der Regel ist es ein Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren, welches die Schmerzen im Rücken bedingt. Bei einer derartigen komplexen Erkrankung ist dem Patienten mit einer Operation nicht oder nur kurzzeitig geholfen; denn er muss nach einiger Zeit erneut behandelt werden. Wir nennen das den Drehtüreffekt.
Um Ihre Eingangsfrage zu beantworten: Für ca. neunzig Prozent der betroffenen Rückenschmerzpatienten ist eine konservative Behandlung eindeutig die richtige Methode. Dies gilt auch bei Bandscheibenschädigung ohne die sogenannte radikuläre Symptomatik, die mit schwerer Beeinträchtigung der Nerven- und Muskelfunktion einhergeht.  Voraussetzung einer nachhaltigen nicht operativen Therapie ist natürlich, dass diese gezielt und individualisiert darauf ausgerichtet wird, welche Befunde festgestellt werden, die die Beschwerden erklären. Genau das macht die ANOA.

Können Sie bitte das Besondere am Konzept der ANOA erläutern?

Dr. Seidel: Die ANOA behandelt multimodal. Das bedeutet konkret: bei der Untersuchung sowie der Behandlung des Patienten im Krankenhaus, finden im Rahmen des ANOA-Konzeptes alle Ursachen und Einflussfaktoren für das aktuelle Krankheitsbild Berücksichtigung. Sämtliche Faktoren werden untersucht, gewertet und anschließend gezielt behandelt. Dabei nutzt die ANOA das breite Knowhow verschiedener Fachbereiche eines Krankenhauses zur Behandlung in multiprofessionellen Teams. Diese bestehen sowohl aus qualifizierten Fachärzten, Psychologen, Mitarbeitern des Pflegedienstes als auch aus Mitarbeitern unterschiedlicher therapeutischer Gruppen. Die Komplexbehandlung erfolgt nach dem Konzept der ANOA stets individualisiert und in standardisierten klinischen Pfaden.

Aktuellen Statistiken zufolge kommen jährlich rund 700.000 Patienten mit Rückenbeschwerden ins Krankenhaus. Tendenz steigend. Zugleich ist auch die Zahl der Operationen an der Wirbelsäule in den vergangenen Jahren angestiegen. Doch viele der operierten Patienten klagen später erneut über Schmerzen. Hält man sich den Fakt vor Augen, dass eine Rückenoperation bei den Krankenkassen mit durchschnittliche 10.000 Euro zu Buche schlägt, ist es doch verwunderlich, dass die konservative Therapie im Krankenhaus von den Krankenkassen nicht noch stärker unterstützt wird.

Dr. Seidel: Sie sprechen ein wichtiges Thema an, denn im Moment ist die konservative Behandlung in der Tat noch nicht auf Augenhöhe mit der operativen Behandlung. Da muss man nur die Zahlen betrachten: Weniger als 100.000 Patienten werden aktuell Jahr für Jahr komplex und somit nachhaltig behandelt. Weitaus mehr Patienten erhalten eine Operation oder werden während eines Kurzaufenthaltes im Krankenhaus mit Spritzen und Medikamenten versorgt. Dabei müsste die Entwicklung umgekehrt sein! In diesem Zusammenhang wäre es sinnvoll, wenn jedes Krankenhaus, in dem an der Wirbelsäule operiert wird, über eine ANOA-Abteilung verfügen würde. Dann wäre bundesweit jede große Klinik in der Lage, Schmerzpatienten mit chronischen Komplex-Erkrankungen   befundgerecht zu behandeln. Dies ist ein Ziel, das unsere Arbeitsgemeinschaft verfolgt.
Zugleich möchte ich an dieser Stelle aber auch betonen, dass in den letzten Jahren – auch dank der engagierten Mitarbeit der Kliniken in unserem Verbund – sehr viel erreicht werden konnte. Wir sind zwar noch nicht dort, wo wir mit dem ANOA-Konzept eines Tages hinwollen, doch sehr zufrieden mit den Zwischenergebnissen unserer gemeinsamen Arbeit: die Nachfrage nach der nicht-operativen Behandlung im stationären Bereich steigt kontinuierlich, mehr und mehr Akut-Kliniken lassen sich von der ANOA professionell beraten und auch die Krankenkassen sind inzwischen sensibilisiert und zunehmend überzeugt von unserem multimodalen Konzept.

Kontakt
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Über ANOA
Die ANOA (Arbeitsgemeinschaft nicht operativer orthopädischer Akut-Kliniken) ist eine medizinisch-wissenschaftliche Vereinigung von mittlerweile 28 Akutkrankenhäusern, die im nicht operativen orthopädisch-unfallchirurgischen, manualmedizinischen und schmerztherapeutischen Bereich tätig sind. Patienten mit komplexen und multifaktoriellen Erkrankungen des Bewegungssystems sowie mit chronischen Schmerzerkrankungen benötigen multidisziplinäre und multimodale Diagnostik- und Therapiekonzepte. Im Mittelpunkt des ANOA-Konzeptes stehen daher individualisierte befundorientierte Behandlungen auf neuroorthopädischer Grundlage unter Einbeziehung manualmedizinisch-funktioneller, schmerzmedizinischer und psychotherapeutischer Methoden.

Die ANOA ist der Auffassung, dass nur im Rahmen einer ganzheitlichen Betrachtung langfristig wirksame Therapiekonzepte umgesetzt werden können. Dazu hat die ANOA klinische Behandlungspfade mit besonderen Behandlungsschwerpunkten entwickelt. Das ANOA Konzept basiert auf den neuesten medizinischen Erkenntnissen und ist wissenschaftlich überprüft. Die Prozess- und Ergebnisqualität im ANOA Konzept wird kontinuierlich multizentrisch evaluiert. Mit dem 2016 entwickelten ANOA-Zertifikat können Kliniken ihre Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität nachweisen und sichern.

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