Krankenhausreform gefährdet Versorgung chronisch Schmerzkranker
von Lisa Gauch
Krankenhausreform gefährdet Versorgung chronisch Schmerzkranker – ANOA und Partner mahnen eigenständige Leistungsgruppe für Schmerzmedizin an
Berlin,11. September 2025 – Am heutigen 11. September 2025 haben die Deutsche Schmerzgesellschaft e. V. und ihre Partnerinnen und Partner – darunter der Berufsverband der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin in Deutschland e. V. (BVSD), die Arbeitsgemeinschaft nicht operativer orthopädischer manualmedizinischer Akutkliniken (ANOA), der Berufsverband für Physikalische und Rehabilitative Medizin (BVPRM), die Interdisziplinäre Gesellschaft für Orthopädische Schmerzmedizin (IGOST) sowie die Patientenvereinigung USVD SchmerzLOS e. V (Unabhängige Vereinigung aktiver Schmerzpatienten in Deutschland) – in einer gemeinsamen Pressekonferenz dringende Nachbesserungen an der aktuellen Krankenhausreform gefordert. Zentraler Punkt ihres Appels im Kontext des Krankenhausreformanpassungsgesetzes (KHAG) ist die Einführung einer eigenständigen Leistungsgruppe „Spezielle Schmerzmedizin“, um die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit chronischen Schmerzen auch in Zukunft bundesweit zu sichern.
Versorgungslage spitzt sich zu – ANOA warnt vor Klinikschließungen
In Deutschland leiden rund 23 Millionen Menschen regelmäßig unter Schmerzen, etwa vier Millionen davon sind besonders schwer betroffen. Aktuelle Studien zeigen, dass rund drei Millionen Menschen mit chronischen Schmerzen unter Beschwerden am Bewegungssystem leiden – einem zentralen Behandlungsfeld der Orthopädie und Unfallchirurgie. Die spezialisierte, interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie (IMST), für die bundesweit knapp 370 Kliniken stehen, ist für Patientinnen und Patienten oft die letzte Anlaufstelle.
ANOA-Präsident Dr. Jan Holger Holtschmit betont die drohende Unterversorgung scharf: „Orthopädische Schmerzkliniken fallen durchs Raster – wenn das Gesetz so bleibt, verlieren wir Einrichtungen. Die ANOA, ein medizinisch-wissenschaftlicher Verbund von 38 Akutkrankenhäusern bundesweit, hat sich auf die nicht operative, multimodale Behandlung chronischer Schmerzzustände am Bewegungsapparat spezialisiert, insbesondere auf Rückenschmerzen. Unsere Mitgliedskliniken bieten hochspezialisierte interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie nach dem ANOA-Konzept an, bei der multiprofessionelle Teams – unter anderem aus Ärztinnen und Ärzten, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten sowie Pflegekräften – eng zusammenarbeiten. Genau diese Versorgungsstruktur ist für viele schwer chronifizierte Schmerzpatientinnen und -patienten die einzige Chance auf Besserung.
Rund 370 spezialisierte Kliniken in ganz Deutschland bieten derzeit interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie für betroffene Patientinnen und Patienten an. Dennoch ist der Bedarf schon jetzt größer als das Angebot – Wartezeiten sind häufig lang und die Unterversorgung spitzt sich zu. Ohne eine gesicherte rechtliche Grundlage droht ein weiterer flächendeckender Rückbau dieser spezialisierten Einrichtungen. Die geplante Zuordnung zur allgemeinen Chirurgie für den Großteil der Schmerztherapie-Fälle ist fachfremd und gefährdet den Fortbestand unserer spezialisierten Strukturen. Viele Anforderungen dieser Gruppe sind in Kliniken, die wie die ANOA-Kliniken nach der IMST behandeln, schlicht nicht erfüllbar. Wir befürchten daher, dass mittelfristig mehr als 40 Prozent der Leistungsmöglichkeiten wegfallen werden. Ist eine spezialisierte Einheit erst einmal geschlossen, lässt sie sich nicht einfach wiedereröffnen. Wir fordern deshalb nachdrücklich die Einführung einer eigenen Leistungsgruppe ‚Spezielle Schmerztherapie‘ – passgenau und realistisch für unseren Versorgungsalltag und unsere hochspezialisierten Kliniken.“
Schmerzexperten und Patienten auf einer Linie
Hinter dem Appell stehen – im engen Schulterschluss mit der ANOA und weiteren Partnerinnen und Partnern – die größten deutschen Fachgesellschaften im Bereich Schmerz: Die Deutsche Schmerzgesellschaft e. V. ist mit mehr als 3.500 Persönlichkeiten aus Medizin, Psychologie, Pflege, Physiotherapie und Wissenschaft die größte schmerzmedizinische Fachgesellschaft Europas und vereint 19 weitere Fachgesellschaften. Die Patientenvertretung UVSD SchmerzLOS e. V. engagiert sich aktiv als Sprachrohr und Interessenvertretung der Betroffenen innerhalb des Bündnisses.
Professor Dr. Frank Petzke, Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft e. V., bekräftigt: „Eigene Leistungsgruppe jetzt – es braucht heute eine planbare und sichere Perspektive in der Krankenhausreform, sonst bricht die Schmerzmedizin weg. Wir appellieren an die Abgeordneten des Deutschen Bundestags, gesetzlich die Reform nachzubessern und den Kollaps der Versorgung chronisch Schmerzerkrankter zu verhindern.“
Dr. Jan Emmerich, Vorstandsmitglied des Berufsverbands für Physikalische und Rehabilitative Medizin (BVPRM) sowie Beiratsmitglied der ANOA, unterstreicht die Bedeutung für den Bereich der Rehabilitation: „Wenn Kliniken schließen und stationäre Behandlungsressourcen zusammenbrechen, werden wir auch in der Rehabilitationsmedizin gravierende Auswirkungen zu spüren bekommen.“ Zur Lösung dieser komplexen Gesamtsituation brauche es ausschließlich den politischen Willen, so Dr. Emmerich weiter: „Eine eigene Leistungsgruppe würde die Versorgung unserer Patientinnen und Patienten gewährleisten.“ Nur auf diese Weise könne auch künftig eine wohnortnahe und qualitätsgesicherte Behandlung schwer und chronisch Erkrankter sichergestellt werden.
Weitere Informationen zum Thema:
(5.763 Zeichen)