Drei Fragen an Wolfgang Ritz

von Julia Gräff

„Der Bedarf an einer spezialisierten schmerzpsychotherapeutischen Fortbildung ist groß“

Drei Fragen an Wolfgang Ritz, den Leiter der Fachabteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie an den Sana Kliniken Sommerfeld.
Als Präsidiumsmitglied der ANOA (Arbeitsgemeinschaft nicht operativer orthopädischer Akut-Kliniken) hat sich der leitende Psychologische Psychotherapeut in den vergangenen Monaten federführend für die verstärkte Qualifikation von Mitarbeitern im Bereich der Schmerzpsychotherapie eingesetzt. In diesem Kontext konnte, im engen Schulterschluss mit engagierten Kollegen, das „Curriculum Spezielle Schmerzpsychotherapie – ANOA“ entwickelt werden, das am 25. August in die erste Ausbildungsrunde geht.

Redaktion: Herr Ritz das ‚Curriculum Spezielle Schmerzpsychotherapie – ANOA’ wird nun in wenigen Tagen erstmalig starten. Was war für Sie der Anlass, dieses spezifische Fortbildungsangebot, das von renommierten Ärzten und Psychologischen Psychotherapeuten geleitet wird, ins Leben zu rufen?

Wolfgang Ritz: Psychotherapeuten, die in der Orthopädie arbeiten, benötigen neben der Allgemeinen Psychotherapie fundierte Kenntnisse in Spezieller Schmerzpsychotherapie, die sich vertieft auf das Bewegungssystem bezieht. Dementsprechend war es der ANOA wichtig, die speziellen Erfahrungen und Kenntnisse auf diesem besonderen Gebiet an interessierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der 28 ANOA-Kliniken weiterzugeben. Unsere Arbeitsgemeinschaft kann dabei auf langjährige Erfahrungen zurückgreifen: Seit gut 15 Jahren behandelt der Verbund Patienten mit komplexen und multifaktoriellen Erkrankungen des Bewegungssystems, insbesondere Patienten mit chronischen Schmerzerkrankungen. Im Laufe dieser Zeit hat die ANOA ihre multidisziplinären und multimodalen Diagnostik- und Therapiekonzepte stetig weiterentwickelt.

Psychodiagnostik und Psychotherapie sind wesentliche Bestandteile dieses Konzeptes, weshalb es uns am Herzen liegt, das Wissen hierüber als Fortbildungsangebot weiterzugeben und somit das Qualifikationsniveau in diesem Bereich nachhaltig zu erhöhen.

 

Redaktion: Psychodiagnostik und Psychotherapie sind, wie Sie gerade erläutert haben, wichtige Bestandteile des ANOA-Konzeptes. Für den Laien ist dies nicht so einfach nachzuvollziehen. Warum genau sind beide Bereiche bei der Schmerzbehandlung von derart großer Bedeutung?

Ritz: Das ist relativ leicht zu beantworten; denn es ist mittlerweile erwiesen, dass die meisten chronischen Störungen des Bewegungsapparates mit bedeutsamen funktionspathologischen  und psychischen Einflüssen  verbunden sind. In anderen Worten: Es ist nicht alleine die Wirbelsäule oder das Gelenk, auch funktionelle, psychische und psychosoziale Faktoren können Schmerzen des Bewegungssystems verursachen oder die Bewältigung von Schmerzen erschweren. Chronischer Stress, Angst oder Erschöpfung: Schätzungsweise zwei Drittel der chronischen Rückenpatienten leiden unter einer Kombination aus psychischen und funktionellen Einflussfaktoren. Obwohl dies nicht erst seit gestern bekannt ist, gab es lange Zeit keine entsprechenden therapeutischen Angebote. Das hat sich glücklicherweise in den letzten Jahren geändert – unter anderem auch durch das Wirken der ANOA. Die spezielle Diagnostik der ANOA unterscheidet genauestens zwischen den verschiedenen Einflussfaktoren und bietet eine befundorientierte multimodale Komplexbehandlungen an, also eine Behandlung, die exakt auf die jeweiligen Ursachen und Beschwerden des Patienten ausgerichtet ist. Therapiesteuerung und Gewichtung der Therapieverfahren erfolgen im Rahmen spezieller individualisierter Behandlungspfade, die im ANOA-Konzept im Detail beschrieben werden. Ein Beispiel: Im ANOA-Behandlungspfad 1 steht die Funktionsverbesserung im Fokus. Es wird ermöglicht, dass sich Betroffene wieder besser bewegen können. Psychische Einflussfaktoren werden in die Therapie mit einbezogen. Patienten lernen Schmerz zu verstehen und aktiv zu bewältigen. Dies erfolgt über ein Schmerztherapeutisches Basisprogramm mit Psychoedukation und Entspannung. Im ANOA-Behandlungspfad 2 werden Patienten behandelt, bei denen psychische Einflüsse eine größere Bedeutung im Schmerzgeschehen  haben. Hier werden Gelenke, Muskulatur, Nervensystem und Psyche in sehr engem Zusammenhang gleichwertig behandelt, wenn beispielsweise Erschöpfung, Depression oder Angst die Symptomatik eines Bandscheibenvorfalls oder einer Arthrose verstärkt oder chronifiziert. Spezielle Schmerzpsychotherapie im ANOA-Konzept ist also eine subgruppenspezifische Schmerzpsychotherapie: Geht der Patient mit dem Schmerz falsch um, dann benötigt er Informationen, Skills zur Bewältigung und Entspannung. Sind die psychischen Einflüsse im Schmerz ein eigenständiges Problem, dann müssen die psychotherapeutischen Behandlungsanteile noch umfassender mit den Methoden der konservativen Orthopädie oder der medizinischen Schmerzbehandlung verbunden werden.

Ich glaube es wird deutlich: Psychotherapie und Spezielle  Schmerzpsychotherapie sind wesentliche Bestandteile multimodaler orthopädischer Komplexbehandlungen. Es ist ein Erfolg der ANOA, dass orthopädische Patienten im Krankhaus diese umfassende und komplexe Behandlung erhalten können. In den ANOA-Kliniken arbeiten interdisziplinäre Teams, unsere Patienten werden auf allen Ebenen behandelt und kommen dadurch schneller und nachhaltiger zu einer Schmerzreduktion  und Verbesserung der Lebensqualität.

 

Redaktion: Das klingt in der Tat nach einer Therapieform, die einer fundierten Qualifikation bedarf. Das jetzt startende „Curriculum Spezielle Schmerzpsychotherapie – ANOA“ wird sechs kompakte Module im Zeitraum eines Jahres beinhalten. Könnte dieses Fortbildungsformat nicht auch für Psychologen und Psychotherapeuten interessant sein, die bislang noch nicht so vertraut sind mit dem ANOA-Konzept?

Ritz: Mit Sicherheit. Unsere aktuelle Planung sieht auch vor, dass wir nach dem ersten Durchlauf im Herbst 2019 ein zweites Curriculum anbieten. Zu diesem Zeitpunkt kann ich mir dann sehr gut vorstellen, den Teilnehmerkreis zu erweitern. Denn der Bedarf an einer derart spezialisierten Fortbildung im Bereich Spezielle Schmerzpsychotherapie ist für alle Psychotherapeuten interessant, die in der konservativen Orthopädie arbeiten, und könnte für die Qualität der Behandlung und damit für orthopädische Schmerzpatienten ausgesprochen gewinnbringend sein.

 

Kasten:

Der Diplom-Psychologe Wolfgang Ritz, Leiter der Fachabteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie an den Sana Kliniken Sommerfeld, arbeitet seit vielen Jahren mit orthopädischen Schmerzpatienten. Seit 2000 besitzt er die Ermächtigung der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg zur ambulanten tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie bei Patienten mit chronischen Schmerzstörungen. Im selben Jahr war Wolfgang Ritz maßgeblich an der Gründung der ANOA (Arbeitsgemeinschaft nicht operativer orthopädischer Akut-Kliniken) beteiligt. Als Mitglied des Präsidiums der medizinisch-wissenschaftliche Vereinigung von inzwischen 28 Akutkrankenhäusern, die im nicht operativen orthopädisch-unfallchirurgischen, manualmedizinischen und schmerztherapeutischen Bereich tätig sind, kümmert sich der approbierte Psychotherapeut heute federführend um psychotherapeutische Fragestellungen im Bereich der konservativen Orthopädie. Zudem engagiert sich Ritz u.a. als Vorsitzender der Fachkommission Spezielle Schmerzpsychotherapie der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer (OPK) und als Vertreter des Fachbereichs Psychotherapie im Interdisziplinären Arbeitskreis Brandenburger Schmerztherapeuten IABSP.

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Über ANOA

Die ANOA (Arbeitsgemeinschaft nicht operativer orthopädischer Akut-Kliniken) ist eine medizinisch-wissenschaftliche Vereinigung von mittlerweile 28 Akutkrankenhäusern, die im nicht operativen orthopädisch-unfallchirurgischen, manualmedizinischen und schmerztherapeutischen Bereich tätig sind. Patienten mit komplexen und multifaktoriellen Erkrankungen des Bewegungssystems sowie mit chronischen Schmerzerkrankungen benötigen multidisziplinäre und multimodale Diagnostik- und Therapiekonzepte. Im Mittelpunkt des ANOA-Konzeptes stehen daher individualisierte befundorientierte Behandlungen auf neuroorthopädischer Grundlage unter Einbeziehung manualmedizinisch-funktioneller, schmerzmedizinischer und psychotherapeutischer Methoden.

Die ANOA ist der Auffassung, dass nur im Rahmen einer ganzheitlichen Betrachtung langfristig wirksame Therapiekonzepte umgesetzt werden können. Dazu hat die ANOA klinische Behandlungspfade mit besonderen Behandlungsschwerpunkten entwickelt. Das ANOA Konzept basiert auf den neuesten medizinischen Erkenntnissen und ist wissenschaftlich überprüft. Die Prozess- und Ergebnisqualität im ANOA Konzept wird kontinuierlich multizentrisch evaluiert. Mit dem 2016 entwickelten ANOA-Zertifikat können Kliniken ihre Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität nachweisen und sichern.    

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